Rudern
Ein Bericht von Hans-Joachim Ehlers
Unter den Mitarbeitern großer und mittlerer Betriebe macht derzeit eine Geschichte die Runde, die wie keine zweite geeignet ist, den Zustand des deutschen Managements zu charakterisieren. Zwar satirisch, aber durchaus realitätsbezogen. Und das erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand :Um herauszufinden, welche Management – Strategien besser seien, die der Japaner oder die der Deutschen, beschließt man, einen Ruderwettbewerb auf dem Rhein zu veranstalten.
Beide Teams trainieren hart in ihren Achtem und schließlich kommt der große Tag der Entscheidung. Ergebnis: Der japanische Achter gewinnt mit einem Vorsprung von einem Kilometer.
Das deutsche Top- Management ordnet sofort eine Analyse des Desasters an. Aus profilierten Stabsleuten wird ein Projekt-Team gebildet, das unverzüglich an die Arbeit geht. Nach einem vierteljährigen Research, der mit kostenintensiven Reisen nach Japan verbunden ist, findet man die Erklärung: Die Japaner harten - für die Deutschen völlig unerwartet - sieben Ruderer und einen Steuermann eingesetzt, die Deutschen dagegen einen Ruderer und sieben Steuermänner.
Daraufhin beauftragt das Top-Management ein namhaftes Unternehmensberatungs-Institut. Es soll die Führungs-Strukturen des deutschen Verlierer - Teams schonungs- und lückenlos analysieren. Ergebnis der Studie des Unternehmenberatungs-lnstituts: Beim deutschen Team wurde zuviel gesteuert und zu wenig gerudert. Das führte dazu, daß die Ausführung der Aufgabe mangelhaft war, obwohl es eine klare Zielvorgabe seitens des Top-Managements gegeben hatte. Vorschlag des namhaften Unternehmensberatungs-lnstituts: Die Kompetenzen im deutschen Achter klar zu umreißen, und zwar wie folgt: Vier Steuerleute rapportieren künftig an zwei Abteilungs- Steuerleute die wiederum einem Steuerdirektor direkt unterstehen. Sie alle dirigieren den Ruderer, aber diesmal mit klar abgegrenzten Kompetenzen.
Für den Ruderer selbst wird mit großem Verwaltungsaufwand ein fein ausgeklügeltes Leistungs- Bewertungssystem eingeführt in dessen Rahmen sein Aufgabenbereich erweitert wird. Er bekommt mehr Verantwortung für seinen unmittelbaren Aufgabenbereich das Rudern.
So gerüstet, startet man zur Revanche. Ergebnis: Die Japaner erzielen diesmal einen Vorsprung von zwei Kilometern.
Das Top-Management reagiert sofort: Der Ruderer wird wegen Unfähigkeit entlassen. die vier einfachen Steuerleute kurze Zeit später ebenfalls gefeuert und kurz darauf auch die beiden Abteilung- Steuerleute. Der Steuerdirektor wird befördert, weil aus einem Bericht hervorging, daß er sein Bestes gegeben hatte. Das Boot wird verkauft, sämtliche Investitionen in ein Nachfolgeboot mit besonders großen Werbeflächhen für Sponsoren werden gestoppt. Die Zahl der Stabsleute wird erhöht, das Unternehmensberatungs-Institut erhält eine Erfolgsprämie und die eingesparten Investions-Mittel werden dem Top-Management als Leistungsprämie ausbezahlt.
Diese Geschichte wird - wie erwähnt - zur Zeit in allen mögliche Variationen kolportiert und trägt zur Erheiterung jeder Runde bei, in der sie erzählt wird Sie ist symptomatisch für den Zustand vieler Firmen in denen die Entscheidung über den richtigen Weg des Unternehmens weit weg von jeder Praxis getroffen werden. Unternehmen in denen z. B. Jungakademiker ohne Lebens- und Berufserfahrung bestimmen was zu tun und zu lassen ist. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Firmenpleiten, die allein darauf zurückzuführen sind.
Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Zusammenbrüchen großer Firmen, die deshalb passierten, weil sich das Management verselbständigt und sich der Kontrolle des Aufsichtsrats entzogen hatte. Einen Aufsichtsrat, der diesen Namen nicht verdient. Denn in Deutschland sitzen Leute in 15 bis 30 Aufsichtsräten gleichzeitig. Solche Leute über die währe Situation des Unternehmens zu täuschen, ist kein Kunststück.
Und noch etwas fällt auf: Je weiter die Angestellten einer Firma vom eigentlichen Produktions- oder Dienstleistungsprozeß entfernt sind, um so mehr Geld verdienen sie. Der Arbeiter an der Werkbank oder in der Montagehalle oder der Außendienst-Mitarbeiter vor Ort wird am schlechtesten bezahlt. Der oberste Manager, wie immer er sich auch titulieren mag, verdient das Tausendfache z. B. zwei Millionen pro Jahr, der Arbeiter vielleicht 30 höchstens 50.000 DM, da muß er schon viel Überstunden machen und seine Gesundheit ruinieren. Wofür er dann neuerdings im Krankheitsfalle bestraft wird.
Meine Frage ist dann immer: Was leistet der oberste Chef so viel mehr als Arbeiter, daß es sich in solchen krassen Geld-Unterschieden ausdrucken muß? Leistet er wirklich das Tausendfache mehr ? Die Antwort lautet eindeutig: nein. Dann wird gesagt ja, aber der oberste Chef trägt auch die größte Verantwortung
Bei Firmenpleiten ist jedoch von Verantwortung der obersten Konzernleitung nicht mehr die Rede oder haben sie schon einmal gehört, daß eine Konzernleitung ihre Tantiemen dazu verwendet hat, um einen Sozialplan zu finanzieren ? Oder daß die Manager, die arrogant und dumm handelten, dafür eingesperrt wurden, weil sie die Verantwortung trugen ? Ich nicht.
Diejenigen, welche die eigentliche Arbeit leisten von der all die großen Herren leben, kommen immer zu kurz.
Deshalb beschäftigt mich seit vielen Jahren die Frage, die auch Kurt Tucholsky schon beschäftigte: Wohin gingen an dem Abend als die Chinesische Mauer fertig war die Arbeiter ?,
von Hans-Joachim Ehlers aus Raum & Zeit 85/97
